Dominik Kelsang Erne, du bist erfolgreicher Ultra-Runner und feiertest diverse Schweizer Meistertitel über 6, 12 und 24 Stunden. Deine 24-Stunden-Bestmarke beträgt 241,9 km. Jetzt wagst du dich an ein «Herzensprojekt». Was heisst das?
Ich kombiniere die sportliche Herausforderung mit meinen Wurzeln. Meine Mutter stammt aus Tibet. Weil ich dem Volksaufstand vom 10. März 1959 gedenken will, injizierte ich zusammen mit der Gesellschaft Schweizerisch-Tibetische Freundschaft GSTF 2022 den We Run For Tibet. Die Tibeter und Supporter machen an diesem Gedenktag seit Jahrzehnten mit Demos auf sich aufmerksam. Ich tue dies mit der Aktion We Run For Tibet dynamischer - mit einem Solidaritätslauf.
Wie gestaltest du diesen?
Ich starte am 8. März, morgens um 8 Uhr, in Trogen (AR) beim Kinderdorf Pestalozzi. Ein «Marathon» und «Ultramarathon von 66km», organisiert in Zusammenarbeit mit dem 100 Marathon Club Schweiz nach Wil, bzw. Rikon bildet den Auftakt. Das wird toll. An diesem Samstagmorgen werden einige Laufbegeisterte gleichzeitig mit mir den ersten Streckenabschnitt unter die Füsse nehmen. Sodann geht es weiter über Rikon Zürich, Burgdorf, Bern bis nach Genf.
Nonstop?
Eigentlich ja. Aber natürlich brauche ich Pausen – für die Verpflegung und für kurze Powernaps. Der Plan sieht vor, alle 8 Stunden 20 bis 25 Minuten einzunicken. Auf der zweiten Streckenhälfte dürften alle 4 Stunden 15 Minuten-Stopps folgen – ganz nach dem Empfinden. Ich will auf den Körper hören.
Aber du setzest dir ja für die 380 km auch ein Zeitlimit…
Genau. Ich will unter 59 Stunden in Genf einlaufen. Der Rhythmus Rennen/Schlafen ergibt sich. Wichtig ist. Ich darf nie in Tiefschlaf verfallen. Aus dem kommst du nicht mehr auf Touren.
Wirst du immer begleitet?
Während 75 Prozent der Strecke habe ich bereits jetzt Zusagen für Begleitung. Ich bin überzeugt, dass sich weitere spontan dazugesellen werden.
Wovon hast du den grössten Respekt?
Vor der zweiten Nacht. Die wird auf jeden Fall brutal. Das Energie-Defizit wird sich akzentuieren. Die Müdigkeit nimmt zu, das Tempo wird geringer. Du rennst gefühlsmässig fast an Ort. Und es ist dunkel, kalt und womöglich nass. Zwischen Fribourg, Gruyère und Lausanne/Morges, zwischen 20 Uhr und den frühen Morgenstunden, stelle ich mich auf eine massive mentale Grossherausforderung ein.
Das fordert auch einen Routinier wie dich?
Ganz bestimmt. Aber der übergeordnete Zweck, das Unterwegssein für Tibet und Landsleute, steht über der Sache. Darum ist auch klar: Aufgeben ist keine Option.
Du möchtest auch möglichst viel Aufmerksamkeit generieren?
Richtig. Alle können mich begleiten. Sie können mich real oder virtuell verfolgen (https://werunfortibet.com). Ein externes Filmteam begleiten uns. Diverse Politiker haben ihre Unterstützung zugesagt, darunter die Ständerätin Maya Graf, Nationalräte Fabio Molina, Nicolas Walder und Raphaël Mahaim sowie weitere. Der Zürcher Regierungsrat Mario Fehr und die Nationalrätin Katharina Prelicz-Huber werden mich zudem am Samstag, 8. März, um 20.Uhr, an der Europaalle in Zürich empfangen. Mitunterstützer von We Run For Tibet ist auch der frühere Fussballprofi Franzisco Rodriguez.
Womit baust du dich auf unterwegs?
Wichtig ist, dass die Abläufe klappen: Verpflegung, Sportlernahrung, -getränke, Gels, aber auch warmer Food- Einige wenige, aber richtige Worte tun gut. Die kurzen Schlafpausen haben Bedeutung. Ich versuche positiv zu denken. Mein Team ist wichtig: die Freundin, der Stiefvater, Freunde und Bekannte.
Wie wichtig ist für dich die Strecke?
Die sehe ich als mental inspirierend. Von A nach B entspricht mir mehr als Rundendrehen auf einer 400-m-Bahn oder einem 1 km langen Parcours, wie es bei Ultra-Meisterschaften gebräuchlich ist.
Wird sich dein Lauf-Rhythmus verändern?
Ja, ich dürfte langsamer werden. Und das, obwohl ich schon zu Beginn drossle und «nur» mit 9 bis 10 km-Tempo pro Stunde unterwegs sein werde. Je länger, desto häufiger werden die Pausen.
Ins Spiel, respektive an Bedeutung gewinnt auch dein zweiter Vorname: Kelsang…
Richtig. Er steht für alles Gute, für Glück und Wohlstand. Er trägt mich. Ich will mit meinem Rennen eine Botschaft verbreiten.
Und wann gedenkst du in Genf einzulaufen?
Am Montag, 10. März, diesem Tibet-Gedenktag. Zwischen 12 und 14 Uhr hoffe ich, wird dies der Fall sein.
Bestehen bereits weitere Pläne?
Natürlich. Ich will meine eigenen PB’s noch deutlich hinaufschrauben. Und auch an der 48-Stunden-WM Ende September möchte ich mich profilieren.
Das Gespräch mit Dominik Kelsang Erne führte Jörg Greb.
Weitere Informationen: https://werunfortibet.com. Der Live-Link, auf welchem die Läufer und Interessierte Dominik Kelsang in Echtzeit mitverfolgen können, wird ab Montag, 3. März, auf der Website kommuniziert.
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